Derweil in Tschechien... 4/26
30.01.2026
Streit zwischen Präsident und Motoristen eskaliert
Der Streit zwischen dem Chef der Motoristenpartei, Außenminister Petr Macinka, und Staatspräsident Petr Pavel um die Ernennung des Ehrenvorsitzenden der Motoristenpartei, Filip Turek, zum Umweltminister ist in eine neue Phase getreten. Macinka hatte in Kurznachrichten an den Präsidentenberater Pavel Kolář dem Präsidenten damit gedroht, "alle Brücken auf eine Weise abzubrechen, die in die Geschichtsbücher als extremer Fall einer Kohabitation eingehen wird", falls Pavel nicht Turek zum Umweltminister ernennt. Pavel hatte die nächtlichen SMS am Mittwoch als Erpressungsversuch bezeichnet und die SMS-Kommunikation veröffentlicht. Zudem kündigte der Präsident an, die Polizei einzuschalten, ob mit den SMS keine Straftat vorliege.
Pavel weigert sich, Turek zum Umweltminister zu ernennen wegen dessen die Nazi-Diktatur verharmlosenden und rassistischen Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken. Momentan übt Macinka neben dem Amt des Außenministers auch die Führung des Umweltministeriums in Personalunion aus. Macinka und die Motoristenpartei bestehen aber auf Turek als Umweltminister.
Von Medien befragte Politologen gingen in der Meinung auseinander, ob es sich tatsächlich um Erpressung handele und wem diese Kommunikation mehr schade. Der Streit sei inzwischen zu weit eskaliert und sei immer negativ, womöglich zuvorderst für die Beliebtheit der Regierung.
Eine erste Kostprobe, wie er gedenke, Pavel zu schaden, nannte Macinka in Bezug auf den NATO-Gipfel im Sommer. Dort sollte Tschechien nach Absprache zwischen Präsident Pavel und Premier Andrej Babiš vom Präsidenten vertreten werden. Macinka wolle das verhindern, da sich Pavel mit der Nichternennung von Turek außerhalb der Verfassung befinde. Außerdem meinte Macinka, mit ihm als Unterstützer wäre eine Lieferung von Leichtkampfflugzeugen L-159 an die Ukraine zustande gekommen, die Pavel vehement unterstützt. Der Verteidigungsminister, der von der kleinen rechtspopulistischen Partei SPD nominiert wurde, lehnte das jedoch ab, und auch das ganze Kabinett sprach sich dagegen aus.
Kritiker werfen Macinka indessen vor, keine Verfassungsklage gegen Pavel über dessen Kompetenzen anzustrengen, weil er eine Niederlage fürchte. Macinka lehnt die Klage ab, weil das Verfassungsgericht einseitig auf Pavels Seite stehe, was Empörung nicht nur in Richterkreisen auslöste. Premierminister Andrej Babiš rief seinerseits sowohl den Präsidenten, als auch den Außenminister zur Entspannung auf und lud sie zu einem gemeinsamen Gespräch ein.
Der Streit fällt auch in eine Zeit, als Präsident Pavel Ende letzter Woche erstmals öffentlich verkündet hatte, für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen, wenn "er gesund sei und die nötige Unterstützung genieße". Pavel ist seit März 2023 im Amt. Eine Amtszeit dauert fünf Jahre. Der Präsident kann in Tschechien höchstens einmal wiedergewählt werden.
Spendenkonto für Schussopfer
Etwas mehr als eine Woche nach der blutigen Schießerei in der Kleinstadt Chřibská (Kreibitz) zeichnet sich in der Bevölkerung eine enorme Hilfsbereitschaft für die Opfer der Schießerei ab. Ein 39-Jähriger hatte am Montag letzte Woche den Hausmeister des Rathauses der Stadt getötet und weitere sechs Personen verletzt, unter ihnen auch der Bürgermeister der Stadt Jan Macháč. Der Schütze hatte sich am Ende selbst erschossen.
Der Bezirk Ústí hatte daraufhin ein Spendenkonto für die Hinterbliebenen des Hausmeisters sowie die Familien der Verletzten und die Unterstützung der Stadt eingerichtet. Seitdem sind auf dem Konto (Stand 30.01.2026) bereits über 750.000 Kronen (31.250 Euro) zusammengekommen, darunter beachtliche Großspenden von vielen Städten und Gemeinden aus Nordböhmen wie Krupka (Graupen), Hřensko (Herrnkretschen), Rybniště (Teichstatt) und Ludvíkovice (Loosdorf), die jeweils um 1.000 Euro spendeten, aber auch eine Vielzahl von Kleinspenden privater Personen. Der Bezirk Ústí (Aussig) hatte 200.000 Kronen beigetragen. Hunderte kamen auch zur Totenmesse für den früheren Hausmeister in Chřibská sowie zum evangelischen Trauergottesdienst in Česká Kamenice (Böhmisch Kamnitz).
Für alle, die ebenfalls auf das Konto spenden wollen, hier die Daten für das Konto bei der Bank Česká spořitelna: CZ37 0800 0000 0000 2222 9922 (IBAN), GIBACZPX (BIC).
Wertvollste Firma Tschechiens ist ein Rüstungskonzern
Während die Welt der Börse in den letzten Tagen aufgrund der Grönland-Politik von Donald Trump einige Rückschläge hinnehmen musste, gab es einen ungewöhnlichen Erfolg: Der tschechische Rüstungskonzern Czechoslovak Group (CSG) des Unternehmers Michal Strnad hatte einen Teil seiner Aktien an die Börse Euronext in Amsterdam gebracht. Für 15 Prozent Aktienanteil erhielt die CSG 3,8 Milliarden Euro. Damit löste sie den Energiekonzern ČEZ als wertvollstes tschechisches Unternehmen ab.
Der gerade einmal 33-jährige Strnad hat sich mit dem Börsengang seines Unternehmen laut Forbes auch an die Spitze der reichsten Tschechen katapultiert. An der Spitze stand bislang mit Renate Kellnerová eine Frau. Gleichzeitig wurde Strnad der drittreichste Mensch der Welt unter 40 Jahren.
Die CSG will 750 Millionen Euro aus dem Börsengang in weitere Investitionen sowie Übernahmen stecken. Das Unternehmen gilt als das am schnellsten wachsende Rüstungsunternehmen der Welt. Es wurde in den 1990er Jahren von Jaroslav Strnad, dem Vater von Michal Strnad, gegründet, der es 2018 an seinen Sohn übergab. Wie andere Rüstungsunternehmen wuchs es vor allem nach dem Angriff Russlands auf die ganze Ukraine im Februar 2022. Es ist keine reine Rüstungsfirma, sondern setzt sich aus einer Vielzahl von Firmen im Rüstungsbereich, aber auch Maschinenbau, zusammen. Zu einer der bekanntesten Marken gehört der Hersteller von Nutzfahrzeugen Tatra.
Neugründung des Gebirgsvereins Böhmische Schweiz
Fast 90 Jahre nach seiner Auflösung hat die Böhmische Schweiz wieder einen Gebirgsverein. Gegründet wurde er bereits vor einem Jahr. Aber nun hat er als ersten größeren Akt mit der Verwaltung des Nationalparks Böhmische Schweiz ein Memorandum unterzeichnet, das eine Koordination der Aktivitäten beider Partner für Naturschutz sowie ein besseres touristisches Umfeld vorsieht.
Zu den Gründungsmitgliedern des Vereins gehört die Gemeinde Hřensko (Herrnskretschen), der Zweigverein des Klubs tschechischer Touristen in Janov (Jonsdorf), einem Ortsteil von Hřensko, sowie die Firma Paal, die Aussicht, Imbiss und Restaurant am Prebischtor betreibt.
Der Verein sieht sich in der Tradition des Gebirgsvereins für das nördlichste Böhmen, der seinen Sitz von 1885 bis 1938 in Krásná Lípa (Schönlinde) hatte und 1938 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Erster Vorsitzender war bis zu seinem Tode im Jahr 1925 der Arzt Johann Hille aus Schönlinde. Nach 1945 kam es zu keiner Wiedergründung, da die meisten Mitglieder wie fast alle Deutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden. Die später gegründete Ortsgruppe Krásná Lípa des 1948 aufgelösten Klub tschechischer Touristen KČT (Klub českých turistů) bewahrte jedoch in Teilen das Erbe des alten Vereines. So gelang 1972 die Rettung der alten Wolfsbergbaude samt Aussichtsturm durch eine formale Übernahme in Privatbesitz (mehr zum Turm erfahren Sie hier).
Schienenfahrzeughersteller investiert in Děčín
Eine der größten Reparaturwerkstätten Europas für Güterschienenfahrzeuge steht in Děčín (Tetschen). Die dort ansässige Firma Ryko hat nun für etwas mehr als 5 Millionen Euro eine neue Werkhalle in Betrieb genommen. Hier wird Ryko künftig Radsätze pressen. Pro Jahr können auf diese Weise 2.500 Radsätze aufbereitet werden.
Die Investition zeigt, dass sich Ryko weiter auf einem Wachstumspfad befindet. 2025 wurden in Děčín 5.800 Güterwaggons überholt. Ryko wächst auch hinsichtlich der Beschäftigung. Aktuell arbeiten in dem Werk 360 Personen, weitere sollen eingestellt werden, vor allem erfahrene Produktionsarbeiter und Techniker, insbesondere Schlosser. Ryko arbeitet für Auftraggeber in 15 Ländern Europas. Die Firma hat neben Děčín noch Standorte in Mladá Boleslav (Jungbunzlau) und Kralupy nad Vltavou (Kralup an der Moldau).
Billig-Tankkette expandiert
Tank Ono ist für Grenzgänger aus Deutschland ein Begriff. Die Kette ist die mit Abstand billigste und deshalb ein beliebtes Ziel deutscher Tanktouristen. Nun bekommt die Kette, die bisher über 46 Stationen vor allem im deutsch-tschechischen Grenzgebiet verfügt, Zuwachs an prominenter Stelle. Erstmals wird Tank Ono mit zwei Tankstellen an Autobahnen präsent sein. Die erste wird gerade an der D4 nach Süden bei Lety und Horosedly im Kreis Písek vorgerichtet, die zweite an der D1 Prag-Brünn, in der Nähe von Divišov. Beide Tankstellen sollen noch in diesem Jahr öffnen.
Tank Ono ist dafür bekannt, überall im Land die gleichen Kraftstoffpreise anzubieten. Die hält sie besonders günstig durch eine geringere Gewinnmarge. Damit hat sie sich einen Namen als günstigste Tankstelle gemacht.
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