Euroregion Elbe/Labe

Jitka Pollakis

Die Erkundung von Wiesen führte mich zur Geschichte des Grenzgebiets (HeuHoj Camp, Osterzgebirge).

Jitka Pollakis (*1988) wurde in Dux geboren und verbrachte als Kind die meiste Zeit ihrer Freizeit in Neustadt, dessen Umgebung zur Landschaft ihrer Kindheit wurde. Ihr Studium führte sie nach Freiberg, wo sie begann, sich ganz der praktischen Landschaftspflege und der deutschen Sprache zu widmen. Seitdem organisiert sie auch ein deutsch- tschechisches Workcamp, das Interessierte in die Pflege der einzigartigen Bergwiesen und die Entwicklung der Kulturlandschaft im Erzgebirge einführt. Die Landschaft kann eine Menge Geschichten „erzählen': wenn man in ihr „lesen" will.

Welche Beziehung hast du zum Erzgebirge? Wie bist du hierher gekommen?

Ich wurde im Erzgebirgsvorland, in Dux, geboren, weil die Entbindungsklinik in Teplitz 1988 außer Betrieb war .... Aber es ist immer noch das Erzgebirge und ich habe mein ganzes Leben in Teplitz verbracht. Als ich etwa drei Jahre alt war, kauften meine Eltern ein Ferienhäuschen im Erzgebirge in Neustadt, nicht weit vom Stürmer. Und ich habe viele Wochenenden dort verbracht, im Sommer wie im Winter. Ich habe schöne Erinnerungen daran und habe die erzgebirgische Natur lieben gelernt. Aber ich habe erst auf der deutschen Seite, in Sachsen, wirklich etwas über die Geschichte gelernt. Ich muss sagen, dass ich erstaunt war, was das Erzgebirge alles zu bieten hat.

Warum bist du nach Sachsen gegangen?

Im Jahr 2010 entschied ich mich, nach meinem Bachelor in Prag an der Karls-Universität mein Studium an der Bergakademie Freiberg fortzusetzen. Ich habe mich dort für ein Masterstudium in Geoökologie mit Schwerpunkt Landschaftsökologie und -management eingeschrieben. Ich habe damals in Dresden gewohnt und bin nach Freiberg gependelt. Aber vor dem Studium musste ich testen, ob ich in Deutschland mit meinem Deutsch überleben kann, das ich in der Schule gelernt und während meines Bachelorstudiums überhaupt nicht gebraucht hatte. Also habe ich im Sommer 2010 ein Praktikum im Umweltzentrum in Dresden gemacht. Damals hatten sie bereits
einen tschechischen Mitarbeiter, Mark Liebscher (heute einer der beiden Leiter des Zentrums), und waren daher offen für tschechische Mitarbeiter. Ich durfte mit der Leiterin der Umweltabteilung, Bettina Bauer, zusammenarbeiten, die eine großartige Chefin war. Sie nahm mich überall hin mit und stellte mich allen vor. Wenn es eine Veranstaltung gab, wie das Heulager, das von der Grünen Liga Ost-Erzgebirge organisiert wird, sagte sie: ,,Geh hin, triff Leute, probier was aus, geh hin!" Also bin ich dorthin gefahren und habe Leute getroffen, die sich mit praktischer Landschaftspflege im Osterzgebirge beschäftigen. Ich lernte auch Jens Weber kennen, der mir später bei meiner Masterarbeit half. Ich habe mehrere ausgewählte Bergwiesen auf tschechischer und deutscher Seite verglichen - nicht nur die Vegetation, sondern auch Fördermöglichkeiten für die Landwirte, die sie bewirtschaften. Ich habe auch versucht, von den Landwirten zu erfahren, ob sie die Geschichte der Pflege ihrer Wiese kennen - ob sie wissen, was dort vor fünf, zehn Jahren gemacht wurde. Auf der deutschen Seite haben sie mir ganz genau gesagt: ,,Ja, so hat es mein Vater gemacht, so hat es mein Großvater gemacht ... " und so weiter. Auf der tschechischen Seite wurde mir gesagt: ,,Ich weiß nicht, ich habe das Haus vor fünf Jahren gekauft und weiß nicht, was vorher hier passiert ist." Daraufhin wurde mir klar, wie unterschiedlich die beiden Seiten waren. Und so habe ich angefangen, mich über die tschechische Region zu informieren. Dass es nicht nur schöne Natur ist, sondern dass sie eine Geschichte hat.

Kannst du uns etwas über dein langjähriges Projekt Heuhoj-Camp erzählen?

Das Heuhoj-Camp ist aus den Ergebnissen meiner Masterarbeit entstanden. Es stellte sich heraus, dass es auf deutscher Seite nicht nur große Landwirte gibt, die große Traktoren haben und große Wiesen mähen, sondern auch ein paar Vereine und einzelne Enthusiasten, die sich um verschiedene Ecken in der Natur kümmern, die kein Geld mit Subventionen verdienen, aber die Natur dort umso wertvoller machen. Es handelt sich dabei um Gebiete, die wassergesättigt oder hügelig sind oder zu denen keine Straße führt, und sie werden trotzdem gepflegt. Sie halten diese Landschaftsabschnitte am Leben. Auf der tschechischen Seite habe ich das nirgends gesehen. Ich begann meine Beobachtung irgendwo oberhalb der Fleyh-Talsperre, ich war in den Gebieten bei Peterswald, bei Adolfsgrün, hinter Schönwald und bis nach Nollendorf. In jedem größeren Dorf gibt es einen Bauern, der mehrere große Traktoren hat und mit diesen die Wiesen mäht. Aber außer einem Kleinbauern oberhalb von Fleyh gab es niemanden, keinen Verein oder ähnliches, der sich um alles andere gekümmert hätte. Ich fand es sehr schade. Das hat natürlich seine Gründe - es hängt mit der Geschichte des Erzgebirges oder des Grenzlandes zusammen. Also wählte ich ein Gebiet aus, nicht weit von unserem Ferienhaus beim Stürmer entfernt, wo Arnica montana in einer so großen Menge wächst, wie ich es im gesamten Osterzgebirge noch nie gesehen habe. Als der Bauer mir erzählte, wie er die Wiese pflegt - es ist eigentlich eine Skipiste - fragte ich mich, ob man das nicht auch anders machen könnte. Gleichzeitig habe ich mich an die Agentur für Natur- und Landschaftsschutz der Tschechischen Republik gewandt und gefragt, ob es in der Nähe vom Stürmer ein Gebiet gibt, um das wir uns im Rahmen des Workcamps kümmern könnten, und sie haben uns das Naturschutzgebiet Schwarzaue [Cerna louka] empfohlen. Und so wurde das Heuhoj-Camp geboren. Eine Woche lang im Sommer blieben ich und ein paar andere begeisterte Frauen (und ein Mann) in Zinnwald und gingen zuerst auf die eine Seite, um das Gebiet zu mähen, und ein paar Tage später gingen wir zum Stürmer, um einen Teil der Skipiste mit Arnica zu mähen und das Heu zu ernten, weil es dort sonst nicht gemacht wurde. Seit 2014 organisieren wir das Heuhoj-Camp als deutsch-tschechisches Workcamp, bei dem wir nicht nur versuchen, die Natur zu pflegen, wofür die Großbauern weder die Ausrüstung noch die Zeit haben, sondern auch den Interessierten zu erklären, warum es im Grenzgebiet so aussieht und wer die „Nachbarn" sind, die jenseits der Grenze leben.

Woher nimmst du die Inspiration für das, was in all den Jahren beim Heuhoj-Camp gemacht wird?

Am Anfang war die größte Inspiration für mich die Heulager-Veranstaltung der Grünen Liga Ost-Erzgebirge, die jedes Jahr in Bielatal im Erzgebirge stattfindet. Als ich das erste Mal eine ganze Woche dort verbrachte, sprach ich kaum Deutsch und war eine Art verwöhnter Student, der zum Arbeiten kam. Nach dem zweiten Tag hatte ich Schwielen an den Händen. Aber ich habe dort eine unglaubliche Arbeitsmoral und ein so herzliches Engagement erlebt, dass ich total begeistert und berührt war. Und es ist nicht nur die Arbeit - man lernt so interessante Menschen aus unterschiedlichen Berufen, Hintergründen und Altersgruppen kennen. Von Ingenieuren über Mütter im Mutterschaftsurlaub bis hin zu Studenten, aber auch Ornithologen oder Klimatologen sind dort gewesen. Es gab immer ein Begleitprogramm am Abend und Ausflüge am Wochenende. Und das fand ich sehr inspirierend - dass ich arbeiten und der Natur helfen konnte, aber gleichzeitig mit Menschen sprechen konnte, die ich sonst nirgendwo treffen würde. So waren die ersten Jahre im Heulager eine wunderbareInspiration für mich für die ersten Jahre des Heuhoj-Camps. Aber die Camper stellten mir oft Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, und so versuchte ich, für mich selbst und für andere Antworten zu finden, indem ich Gäste einlud, Dinge zu erklären. Das ist es auch, was mir am Heuhoj-Camp so gut gefallen hat und bis heute gefällt - dass sich Menschen tref­fen und gute Ideen und nützliche Informatio­nen austauschen.

Worin siehst du den Sinn einer solchen Maßnahme?

Während der Pandemie wurde mir klar, dass offene Grenzen keine Selbstverständlichkeit sind. Ich weiß noch, wie es an der Grenze aussah, als die Lastwagenkolonnen da standen und Eichwald das „Bordell der Republik" war. Aber ich habe nie wirklich darüber nachge­dacht, weil ich keinen Grund dazu hatte. Das Heuhoj-Camp war für mich persönlich auch ein Anlass, über die Realität im Grenzgebiet nachzudenken und zu überlegen, wie das Leben dort aussieht und was dort passiert. Außerdem empfinde ich das Sprechen beider Sprachen, Tschechisch und Deutsch, als einen großen Vorteil. Und meine Aufgabe ist es, dies zum Wohle der Region zu nutzen. Ich finde, dass das Heuhoj-Camp, diese Woche, in der sich Tschechen und Deutsche treffen und sowohl auf der tschechischen als auch auf der deutschen Seite arbeiten - eine großartige Möglichkeit ist, das Interesse der Menschen zu wecken. Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn jemand zum Beispiel aus Ostrau oder Troppau kommt und sagt: ,,Wow, hier ist es so grün, ich dachte, es wären tote Wälder und dass es hässlich ist. Und doch ist es so schön." Und auch die Deutschen, die nach  Böhmen kommen, werden feststellen, dass es hier nicht nur um Lendensteak, Knödel und Bier geht, sondern dass es auch viel zu erzählen gibt. Dank der Tatsache, dass ich die Methode der Sprachanimation entdeckt habe und wir es geschafft haben, sie in das Heuhoj-Camp zu integrieren, verlieren die Leute sehr schnell ihre Scham und sind bereit, mit ihren Händen, Füßen und auf Englisch zu kommunizieren und gemeinsam Spaß zu haben. Dieses Gefühl hatte ich beim Heulager, als ich zum ersten Mal dort war und noch nicht viel Deutsch sprach. Gemeinsame Arbeit schweißt ungemein zusammen. Gemeinsame Erfahrungen brauchen keine gemeinsame Sprache. Und genau das bietet das Heuhoj-Camp. Das ist es, was ich daran liebe.

Kannst du dich an eine Zeit erinnern, in der es im Heuhoj-Camp ein bisschen schwierig war?

Ich merkte irgendwann, dass ich keine Energie mehr hatte. Das hat wohl damit zu tun, dass das Heuhoj-Camp sozusagen mein drittes Kind ist, und die beiden richtigen Kinder sind nicht viel weniger anspruchsvoll ... Was ich immer schwierig fand, war die Beschaffung von Geld. Am Anfang waren wir zu zweit, aber dann ist mein Tandem ausgestiegen, weil sie auch eine Familie gründen wollten - das hat mich viel Kraft gekostet. Im Laufe der Jahre und mit dem Wachsen des Teams wurde es für mich immer schwieriger, die Kommunikation zwischen allen offen und klar zu halten. In einem Jahr habe ich gesagt, dass ich aufhören will, dass es kein weiteres Jahr geben wird. Aber das Heuhoj-Camp endet immer mit einer Art Nachbarschaftsfest in der Kirche Mariä Himmelfahrt in Zinnwald. Die Teilnehmer des Heuhoj-Camps machen das Festival möglich. Und dort kommen Alteingesessene sowohl von tschechischer als auch von deutscher Seite, aber auch junge Leute, die sich dort treffen. Es sind immer so unglaubliche Gespräche und Begegnungen, und man merkt, dass diese Menschen dankbar sind - dass sie sich freuen, dass solche Veranstaltungen in Zinnwald stattfinden. Es ist eigentlich ein Dorf, das früher durch eine Grenze geteilt war, aber es hatte immer einen tschechischen und einen deutschen Teil. Und natürlich sagten alle nach einem dieser Ereignisse: ,,Hör nicht auf, komm, wir helfen dir." So habe ich mich wieder überreden lassen. Die Unterstützung, die ich mir persönlich gewünscht habe (aber vielleicht nicht laut ausgesprochen habe), war nicht ausreichend. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Dinge, die ich abgeben musste, von jemand anderem übernommen wurden.

Gab es eine Lehre, eine neue Perspektive, die sich aus der Krise für dich oder das Team ergeben hat?

Mir ist klar geworden, dass die Kommunikation innerhalb eines Teams enorm wichtig ist. Dass nicht jeder immer glücklich sein kann. Und dass man es nicht immer allen recht machen kann. Diese Krise gab mir die Gelegenheit, zu rekapitulieren und mich zu fragen, woran ich arbeiten kann, damit die Krise beim nächsten Mal kleiner ausfällt oder man gestärkt daraus hervorgeht und nicht noch mehr zerstört wird. Ich betrachte es als ein Sprungbrett zu etwas Neuem.

Du hast gesagt, dass du mit drei Jahren angefangen hast, ins Erzgebirge zu gehen, und jetzt hast du selbst Kinder. Ich frage mich, wie man ihnen eine positive Beziehung zur Landschaft vermitteln kann. Versuchst du das auch bei anderen Menschen?

Ich denke, es spielt eine große Rolle, wie wir die Landschaft wahrnehmen. Besonders bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen, springt es auf andere über, wenn man etwas selbst erlebt und mit Leidenschaft dabei ist. Wir erziehen die Kinder nicht durch das, was wir sagen, sondern durch das, was wir leben. Kinder imitieren unser Verhalten, unseren Lebensstil. Dies ist das Lehrbuch des Lebens für sie. Ich habe meine Beziehung zum Erzgebirge nicht einfach so aufgebaut. Mein Vater treibt gerne Sport und geht gerne in die Natur, wandert und fotografiert. Und indem er meinen Bruder und mich mitgenommen hat, hat er dazu beigetragen, dass wir heute dasselbe tun. Und dann gab es diese Erlebnisse auf dem Land, in der Natur, wo ich Schwielen an den Händen hatte und schwitzte, aber ich erlebte die pure Freude, in der Natur und unter Menschen zu sein. Eigene Erfahrungen zu machen, ist meiner Meinung nach der beste Weg, um eine Beziehung zur Landschaft aufzubauen.

Hat das, was man in der Landschaft erlebt, für dich einen spirituellen Wert?

Ich habe keinen explizit spirituellen Hintergrund, aber ich bin gerne in der Natur und bin mir ihrer Verletzlichkeit bewusst. Erst recht, wenn ich ihre Geschichte kenne, speziell das Grenzgebiet im Osterzgebirge. Aber um in dieser Landschaft glücklich oder zufrieden zu sein, brauche ich auch die Menschen dort. Ich alleine kann die Landschaft nur bis zu einem gewissen Grad genießen. Ich bin glücklich, wenn Menschen um mich herum sind und wenn wir etwas gemeinsam unternehmen, z.B. zelten oder wandern gehen. Wenn man durch die Landschaft wandert, entdeckt man nach und nach bestimmte Elemente, die die Geschichte „erzählen". Was ist es, das dir die Geschichte der Region zu erzählen begann? Für mich waren es die blühenden Wiesen, die ich zunächst überhaupt nicht als von Menschenhand gemacht empfand. Aber das sind sie tatsächlich! Als ich ein Kind war, nahm ich wahr, dass die Wälder zerstört waren und man von einem Hügel zum nächsten sehen konnte, weil es einfach keine Bäume mehr gab. Aber es war mir nie bewusst, welch großen Einfluss der Mensch auf die Landschaft des Erzgebirges hat. Die Landschaft, wie sie heute aussieht, erzählt eine Geschichte, die von den Menschen geschrieben wurde, die in dieser Landschaft lebten und leben. Und das hat mich ungemein fasziniert. Vor allem in der Gegend um Zinnwald bin ich immer wieder erstaunt, wie lange menschliche Eingriffe in die Landschaft „eingeschrieben" bleiben. Gleichzeitig holt sich die Natur aber auch schnell die Orte zurück, die der Mensch zurücklässt. Es ist wie ein Tauziehen - darum, wer stärker und mächtiger ist. In den Bergen vergeht das Jahr ein wenig schneller, der Winter ist länger, es ist sehr dynamisch und faszinierend. Wenn man jedes Wochenende zum Ferienhaus dorthin fährt, erlebt man das ganze Wetter und alle Jahreszeiten. Ich finde die Variabilität faszinierend.

Was kann man auf der Wiese „lesen"?

Daran, was auf einer Wiese wächst, kann man lesen, wie präsent der Mensch dort ist und was er mit ihr macht. Die Tatsache, dass dort überhaupt eine Wiese ist, deutet daraufhin, dass der Mensch sich dort schon lange bewegt.

Sonst gäbe es statt einer Wiese einen Baumbestand oder ein Torfmoor?

Ganz genau. Ware der Ort nicht vom Menschen beeinflusst worden, wäre er wahrscheinlich ein Wald. Wenn es auf der Wiese kleine Bäume und Bäumchen gibt, ist das ein Zeichen dafür, dass der Mensch dort schon lange nicht mehr aktiv war. Wenn die Wiese leuchtend und blühend ist, bedeutet das, dass sie regelmäßig gepflegt wird. Und wenn es eine eintönige, dunkelgrüne Wiese ist, bedeutet das, dass der Mensch schon länger nicht mehr dort war - oder dass er sie so nutzt, dass er so viel Heu, Gras, Heulage wie möglich bekommen will. Anhand der Pflanzen und der Farbe der Wiese kann man deutlich erkennen, wie sie derzeit bewirtschaftet wird oder in der Vergangenheit bewirtschaftet wurde.

Gibt es eine Möglichkeit, diese Art der Wahrnehmung und des Bewusstseins für die Landschaft zu üben?

Für mich selbst kann ich sagen, dass man das definitiv trainieren muss. Für mich ist das Thema Vergessen und Vergänglichkeit. In den Bergen und auf den Wiesen gibt es immer etwas zu tun - um die Sensibilität für sie nicht zu verlieren, muss man regelmäßig in die Landschaft zurückkehren, in ihr präsent sein. Und das nicht nur zu einer Jahreszeit, sondern das ganze Jahr über, damit man die Veränderungen, die der Jahreskreislauf mit sich bringt, spüren und erleben kann. Wenn ich im Herbst oder Winter an Orte komme, die ich sonst nur im Sommer aufsuche, ist das eine ganz andere Erfahrung. Sei es wegen der Kälte oder wegen der Aussicht. Es ist einfach anders.

Kannst du sagen, wann das Wort "Sudetenland" für dich zu einem bedeutungsvollen Begriff wurde?

Hat sich dein Verhältnis zum Sudetenland in irgendeiner Weise verändert? Wahrscheinlich während des ersten Heuhoj-Camps - davor habe ich die Grenzgebiete und den extremen Unterschied zwischen der tschechischen und der deutschen Seite nicht wirklich wahrgenommen. Ich wusste nicht, was dahintersteckte, was der Grund war. In meiner Masterarbeit hatte ich mich nicht sehr intensiv damit beschäftigt, weder historisch noch politisch. Aber die Teilnehmer, die im ersten Jahr am Heuhoj-Camp teilnahmen, stellten Fragen, die mich zum Staunen brachten. Ich kannte die Antworten nicht, weil wir in der Schule nichts darüber gelernt haben. Weil meine Eltern es mir nicht gesagt haben. Weil es mir nie in den Sinn kam ... Zuerst war ich meinen Eltern so böse, dass sie es mir nie gesagt haben und dass wir einfach weiter in die Hütte gefahren sind und nichts unternommen haben. Aber allmählich fand ich heraus, dass meine Eltern auch nicht wirklich viel darüber wussten, denn mein Vater kommt aus Lundenburg, aus Südmähren, und meine Mutter aus Laun, eigentlich aus dem Böhmischen Mittelgebirge. Sie zogen nach Teplitz wegen ihrer Arbeit und weil ihnen dort eine Wohnung zugewiesen wurde. Für sie ist es also kein Zuhause im eigentlichen Sinne des Wortes. Es war kein Land, von dem ihnen ihre Eltern oder Großmütter erzählt hätten. Sie kannten die Geschichte vieler Orte nicht. Sie fanden das Erzgebirge schön, wir haben es besucht, wir sind am Fleyh-Stausee vorbeigefahren, an den Kreuzen, den Friedhöfen, den verfallenen Häusern ... Aber wir haben nie erforscht, warum sie so aussehen, wie sie aussehen. Erst als ich wirklich Teil der Landschaft war und mich auf eine gewisse Art mit ihr verbunden hatte, begann ich zu fragen, warum, wann und wie. Ich begann nach Antworten zu suchen. Ich muss sagen, dass ich mich manchmal sogar geschämt habe, dass ich es nicht wusste, dass es mich nicht interessiert hat. Auch für mich war es ein großer Gewinn, die Geschichte der Grenze durch den wissenschaftlichen Vergleich der Wiese und ihrer Pflege kennen­zulernen.

Wie sind deine Beziehungen zu den Men­schen vor Ort nach deinen Erfahrungen im Heuhoj-Camp und anderen Veranstaltun­gen in Teplitz und Zinnwald?

Ich muss sagen, dass ich von Menschen, die auf der tschechischen Seite geboren wurden oder eine Beziehung zu ihr haben, weil ihre Vorfahren dort geboren wurden, dort lebten oder dort arbeiteten, immer sehr freundlich und herzlich empfangen wurde. Sie haben sich gefreut, dass sich meine Generation für ihre Geschichte interessiert. Ich verstand, warum sie oft und gerne aus Deutschland in die Tschechische Republik zurückkehren, warum sie auf die Friedhöfe gehen, warum sie immer wieder über die Grenze „lugen': warum sie dort zu Besuch sind ... Ich habe das
Gefühl, dass die Generation meiner Eltern sich nie groß für die Geschichte des Grenzlandes interessiert hat, sie haben sich nicht damit beschäftigt. Aber ich denke, dass die Generati­on, die bereits hier zu Hause ist (d.h. wirklich in der Region geboren ist), es anders sieht. Sie haben eine Beziehung zu dieser Region und interessieren sich dafür, was hier passiert ist und warum die Landschaft so aussieht, wie sie aussieht. Und sie wollen auch persönlich an der Entwicklung der Landschaft beteiligt sein. Es geht nicht mehr nur darum, hier zu leben oder zu überleben, sondern die Landschaft
aktiv (mit)zu gestalten.

Gibt es eine Lebensgeschichte oder ein Schicksal, die oder das dir im Zusammen­hang mit dem Osterzgebirge im Gedächt­nis geblieben ist?

Ja! In Zinnwald lebt ein Mann, der Geschich­ten liebt - Wolfgang Mende. Als ich ihn zum ersten Mal besuchte, konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, welche Sammlungen von Fotos, Kassetten, Fotoalben er zu Hause hat ... Ich weiß nicht wirklich, was sein Motiv ist, warum er so sehr mit der tschechischen Seite kooperiert. Ich kenne seine Lebensgeschichte nicht, und ich weiß nicht, warum er so leiden­schaftlich ist. Aber er erstaunt mich immer wieder, und ich bewundere den Elan, mit dem er sich in diese deutsch- tschechische Zusam­menarbeit einbringt. Und er ist sicherlich über achtzig Jahre alt! Er hat eine unglaubliche Anzahl von Geschichten in seinem Archiv, sowohl deutsche als auch deutsch-tschechi­sche. Er ist mit der Stadt Eichwald befreundet und engagiert sich dort sehr. Er hat sich auch für die Wiederbelebung von Grenzbegegnun­gen eingesetzt, z. B. beim Grenzbuchenfest, das in Zusammenarbeit zwischen Zinnwald und Eichwald stattfindet.

Warum, glaubst du, ist der Umgang mit der Vergangenheit für manche Menschen immer noch ein so heikles Thema?

Ich weiß nicht, ich empfinde das nicht so. Ich denke, es ist oft die Geschichte, die mit der Familie einhergeht. Ob es um Eigentum geht oder um irgendeine Art von Ungerechtigkeit. Aber das haben wir in unserer Familie nicht. Ich weiß, dass mein Großvater tatsächlich deutsche oder österreichische Wurzeln hatte, aber niemand hat darüber gesprochen. Es war kein Thema, das in unserer Familie Emotionen auslöste. Ich habe also keinen Grund, dies als problematisch zu betrachten. Aber ich kann mir vorstellen, dass einige Leute das anders sehen.

Welcher Weg führt deiner Meinung nach zu harmonischeren deutsch-tschechischen Beziehungen?

Da fällt mir die Kommunikation ein. Ich kenne einige Gemeinden und weiß, dass die deutsch- tschechische Zusammenarbeit dort funktioniert, ohne dass es einen Verein oder Projekte gibt. Die Menschen sprechen mit den Menschen jenseits der Grenze, sie kooperie­ren. Dort funktionieren Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen. Wenn es ein Problem gibt, das gelöst werden muss, ist es wichtig, miteinander zu reden. Und sich auszusprechen.

Denkst du, es gibt Grenzen des deutsch­-tschechischen Zusammenlebens?

Ich finde es schade, dass rund um die deutsch--tschechische Grenze - vor allem hier in Sachsen - sehr wenig Unterricht in der Fremdsprache des Nachbarn stattfindet, sei es Deutsch oder Tschechisch. Ich kenne die Bemühungen einer Lehrerin in Dippoldiswalde, die Tschechisch als vierte Sprache anbietet! Die Kinder dort haben zwei Pflichtsprachen, die dritte ist wahlfrei und die vierte freiwillig. Aber in Altenberg zum Beispiel, das fast an der Grenze liegt, gibt es nicht einmal einen tschechischen Freizeitclub. Ich denke, das ist eine Kleinigkeit. Wenn ich an der spanischen Grenze wohne, kenne ich ein paar spanische Wörter, wenn ich an der polnischen Grenze wohne, kenne ich ein paar polnische Wörter ... Ich glaube, dass es Vieles einfacher machen würde, wenn es diese Möglichkeit auf beiden Seiten gäbe. Schließlich ist auch Deutsch nicht in Vergessenheit geraten, sondern in Ungnade gefallen, weil es keine einfache Sprache ist. Und es gibt sicherlich noch viele andere Dinge und Bereiche, die verbessert werden könnten. Im Erzgebirge zum Beispiel der Naturschutz. Wenn man das grenzüberschreitend macht, kann man den Schutz und die Verdichtung dieses Naturraums viel besser erreichen, als wenn die tschechische Seite ihre Strategie hat und die deutsche Seite ihre. Eine Bündelung der Kräfte wäre sehr vorteilhaft.

Es stimmt, dass Tiere oder Pflanzen keine nationalen Grenzen kennen ...

Ganz genau. Das ist auch ein bisschen unser Motto - die Natur hört nicht an der Grenze auf, sondern geht weiter, genau wie die Tiere. Es gibt viele Initiativen von deutscher Seite, die versuchen, eine gemeinsame Sprache und Strategie zu finden, aber oft ist es nicht möglich, einen tschechischen Partner zu finden, weil er einfach nicht hier ist oder kein Deutsch spricht ...

Wenn du sagen müsstest, was Adolfsgrün oder die Gegend beim Stürmer im Moment am meisten brauchen, was wäre das?

Ich denke, Nachhaltigkeit, Perspektive, eine Strategie, eine Richtung, in die man gehen kann. Wollen wir viele Menschen und viele Touristen an diesen Orten haben? Oder wollen wir, dass es ein Ort für die Natur, die Pflanzen und die Tiere ist, der nicht von Anwohnern gestört wird, die Feuerwerkskörper loslassen und Quad fahren? Das Erzgebirge ist ein Gebirge, das die Menschen noch nicht vollständig entdeckt und erobert haben. Und das ist das Einzigartige an ihm! Aber ich glaube, die Situation jetzt ist ziemlich schwierig. Immer mehr Menschen rufen: ,,Fahren Sie ins Erzgebirge, dort gibt es keine Seilbahnen und keine Schneekoppe, aber viele Möglichkeiten, Sport zu treiben und eine sehr schöne Natur." Das Erzgebirge ist eines der wenigen Gebiete, die keinen höheren Naturschutzstatus haben. In den 199oer Jahren wurde es von Emissionen stark in Mitleidenschaft gezogen. Es wäre eine Schande, wenn die Natur hier noch weiteren Schaden nimmt. Leider sehe und spüre ich nicht, dass es Bemühungen gibt, den Massentourismus zu stoppen, dem sich das Erzgebirge nicht entziehen kann ...

Wie könnte dieser Ort also in fünfzig Jahren aussehen?

Ich denke, das ist noch nicht entschieden. Ich bin wahrscheinlich eher ein Skeptiker als ein Optimist. Ich glaube, es werden noch viele Orte zerstört werden, bevor man zu der Idee zurückkehrt, dass man mehr Regeln, mehr Schutz und mehr Fürsorge braucht.

Was wünschst du dir in dieser Hinsicht?

Ich würde mir wünschen, dass der östliche Teil des Erzgebirges, der noch etwas trostloser und natürlicher ist, so bleibt. Damit es nicht wieder zerstört wird und dann schwer zu „reparieren" ist. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, dass die Geschichte, die niemand aus der Landschaft tilgen kann, nicht vergessen wird. Je älter die Geschichte ist, desto größer ist natürlich die Gefahr, dass sie in Vergessenheit gerät, weil es in ein paar Jahren einfach keine Gedenkstätten mehr gibt, die anschaulich erzählen, was sie hier erlebt haben. Deshalb halte ich es für wichtig, ihre Geschichten aufzuzeichnen. Das ist eine entscheidende Aufgabe für unsere Generation! Und ich persönlich wünsche mir, auch für das Osterzgebirge, dass es noch Menschen gibt, die den Wunsch haben, Geschichte wiederzubeleben und weiterzugeben. Damit das, was in den Grenzgebieten geschah, nicht vergessen wird ...

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