Derweil in Tschechien... 22/26
05.06.2026
Václav-Havel-Bibliothek droht Schließung
Der dem früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel gewidmeten Bibliothek droht das Aus. Nachdem die Witwe von Václav Havel, die Schauspielerin Dagmar Havlová, ihre Unterstützung für die Bibliothek zurückgezogen hat, ist der weitere Betrieb der Institution akut gefährdet.
Der Rückzug der 73-jährigen Präsidentenwitwe ist der letzte Tiefpunkt, den die Bibliothek nach wochenlangen Auseinandersetzungen erleiden musste. Im Mai hatte das Team der Bibliothek geschlossen die Kündigung zum Ende Juni eingereicht. Einziger Grund: die chaotische Leitungstätigkeit des Direktors Tomáš Sedláček und damit verbunden verschiedene Auffassungen von der Ausrichtung der Bibliothek. Sedláček hält dagegen, dass er nur seine Vision erfülle, mit der er vor einem Jahr ins Amt gekommen war. Der 49-jährige Sedláček ist ein bekannter Volkswirtschaftler, der sogar noch im Beratergremium von Václav Havel gearbeitet hat. Er wurde vor allem bekannt durch sein in viele Sprachen übersetztes Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“, das 2012 mit dem Deutschen Wirtschaftspreis ausgezeichnet wurde. Zuvor hatten schon vier von fünf Mitgliedern des Verwaltungsrats ihr Amt aufgegeben, nachdem sie erfolglos versucht hatten, Direktor Sedláček zu kündigen, dem sie vorwerfen, seine Pflichten nicht zu erfüllen.
Die Bibliothek ist nun vor allem durch die Rücktritte und Kündigungen bedroht. Zu den bekanntesten Mitarbeitern der Bibliothek zählt der erfolgreiche Schriftsteller Jáchym Topol, der in der Bibliothek als Dramaturg tätig ist. Topol gehörte seit seiner Jugend zum engen Kreis um Václav Havel. Ebenfalls im Team ist noch bis Ende Juni die Lektorin Anna Freimannová. Die 75-jährige war selbst vor 1989 im Untergrund und hat sich um die Herausgabe von Václav Havels Werk verdient gemacht.
Der Weggang der Verwaltungsratsmitglieder ist zudem mit dem Ende der finanziellen Unterstützung der Bibliothek verbunden. Die wurde zu großen Teilen durch die Unternehmer Zdeněk Bakala und Karel Komárek gesichert. Bakala hat bereits angekündigt, kein Geld mehr zu geben. Komárek hat sich noch nicht endgültig geäußert. Beide waren Mitglieder des Verwaltungsrats.
Die Bibliothek entstand 2004 nach dem Vorbild der Bibliothek ehemaliger amerikanischer Präsidenten, nachdem Havel Anfang 2003 nach über 13 Jahren als tschechoslowakischer bzw. tschechischer Präsident aus dem Amt geschieden war. Die Bibliothek hat sich noch zu seinen Lebzeiten zu einer wichtigen Institution entwickelt, in der nicht nur das Vermächtnis Václav Havels gepflegt wurde, sondern die bis heute wichtige Debatten anstößt, Publikationen herausbringt und Ausstellungen veranstaltet, aber auch intensiv mit Jugendlichen arbeitet. Sie wurde lange von dem Schriftsteller, Übersetzer und Diplomaten Michal Žantovský geleitet.
Nun hat das letzte verbliebene Mitglied des Verwaltungsrates, der Politiker David Dušek, angekündigt, die Bibliothek mit neuen Sponsoren und einem neuen Team fortzuführen. Ohne die Namensrechte, die Dagmar Havlová hält, dürfte das aber schwierig werden.
Marsch erinnerte an Postelberger Massaker
Mit einem Marsch von Postoloprty (Postelberg) nach Žatec (Saaz) erinnerten mehrere Hundert Menschen an die Opfer, die bei dem Massaker an Angehörigen der deutschen Minderheit Ende Mai, Anfang Juni 1945 umgekommen waren. Bei der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei waren von der tschechoslowakischen Armee und nicht näher bezeichneten bewaffneten Einheiten vor allem Männer in der Kaserne von Postoloprty zusammengetrieben und dann mehrere Tage lang gefoltert und erschossen worden. Quellen sprechen von 800 bis 1.200 Opfern, teils sogar bis 2.000. Es ist damit bis zu den Ereignissen in Srebrenica das blutigste Massaker der Nachkriegszeit in Europa.
Seit 2022 wird den Opfern mit dem Marsch gedacht. Dabei engagieren sich vor allem Schüler von Gymnasien in der näheren Umgebung. Auch der Prager Erzbischof Stanislav Přibyl marschierte mit. Er hatte – noch als Bischof von Litoměřice – dieses Jahr zum Jahr der Versöhnung erklärt mit zwölf Veranstaltungen, die an das Leid erinnern, welches Deutsche Tschechen und Tschechen Deutschen angetan haben.
Auflösung der Porzellanfabrik in Dubí abgewendet
Ein Antrag zur Liquidation der Porzellanfabrik in Dubí (Eichwald) wurde von der Aktionärsversammlung nicht angenommen. Dafür wäre eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig gewesen.
Die Porzellanfabrik Český porcelán produziert seit 1864 Porzellan. Bekannt ist sie vor allem für das Zwiebelmuster, das sie in Lizenz der Porzellanmanufaktur in Meißen herstellt. Doch hohe Energiepreise sind an der Firma nicht spurlos vorüber gegangen. Trotzdem hat das Unternehmen genug Aufträge und ausreichend Barmittel, um Gehälter zu zahlen, meldet die Tageszeitung Mladá fronta Dnes unter Berufung auf Vladimír Feix, einen der größten Aktionäre. Doch angeblich gehe es einem Teil der Aktionäre um fehlende Dividenden. Sie würden an ihrem Anteil zu wenig verdienen, da die Gewinne in der Regel wieder in die Firma investiert würden. Feix nannte den Versuch, die Firma zu liquidieren, ein ohne Not geplantes Unterfangen. Hinter dem Antrag zur Auflösung steht der in Hongkong ansässige Aktionär Renown Trading Limited, der 9,8 Prozent der Aktien hält.
Größte Aktionäre sind die beiden Brüder Vladimír und Radislav Feix. Sie haben ihre Beteiligungen von ihrem Vater, Vladimír Feix senior, geerbt, der die Firma über 50 Jahre geführt hatte, bevor er 2021 starb. Zusammen halten sie knapp 46 Prozent der Anteile. Wie es nun mit der Porzellanfabrik weitergeht, ist offen. Die Firma ist nicht nur auf dem heimischen Markt erfolgreich, sondern verkauft ihr Porzellan vor allem auch in Europa und Asien.
Tschechien erlebt größte Trockenheit seit 65 Jahren
Der Frühling war in diesem Jahr in Tschechien der trockenste seit 1961. Das geht aus den Aufzeichnung des Tschechischen Hydrometeorologischen Instituts hervor. Demnach war der Frühling dieses Jahres trockener als der bisherige Rekordwert aus dem Jahr 1993. Am wenigsten regnete es im April, nur wenig mehr Niederschlag gab es im März. Der Frühling gehörte zugleich auch zu den wärmsten, wobei die zwölf wärmsten Frühlingszeiten sich alle nach dem Jahr 2000 ereigneten. So übertraf die Durchschnittstemperatur der drei Frühlingsmonate die langfristigen Normalwerte um 0,9 Grad Celsius.
Zdislava-Schädel ein letztes Mal gezeigt
Bei der feierlichen Wallfahrtsmesse am vergangenen Samstag wurde der Schädel der Heiligen Zdislava noch einmal gezeigt. Wohlbehalten lag er auf dem Altar. Doch danach wurde er an einem geheimen Ort abgelegt. In Zukunft soll er nicht mehr wie bisher öffentlich ausgestellt, sondern zu den sterblichen Überresten der Heiligen gelegt werden. Grund ist der Diebstahl, bei dem der Schädel am 12. Mai entwendet wurde. Der Täter hatte den Schädel dann in Beton gegossen und wollte ihn im Wasser versenken. Doch gerade noch rechtzeitig konnte er von der Polizei gefasst werden. In einem 16-stündigen Marathon hatten zwei Restauratoren die Reliquie danach heil aus dem Beton herausgelöst.
Nun sei es an der Zeit, den Schädel im Grab der Heiligen Zdislava abzulegen, so Erzbischof Stanislav Přibyl. Er hatte die Wallfahrt erst vor einem Jahr wiederbelebt, damals noch als Bischof von Litoměřice (Leitmeritz). Erst jetzt sei aber bekannt geworden, dass der Schädel bereits in den 1970er Jahren zerbrochen war. Die über 800 Jahre alte Reliquie war damals vom Experten Emanuel Vlček zusammengesetzt worden. Deshalb sei es nur verantwortlich, den Schädel jetzt zu schützen. Zu der Ablage im Grab werde es im kleinen Rahmen kommen, so der Erzbischof von Prag. Diese Ablage müsse nicht endgültig sein. Anders wäre es bei einem erneuten Diebstahl oder jedweder anderen Beschädigung. „Das könnte dann endgültig sein, und das wollen wir nicht riskieren“, so Přibyl.
Zdislava wurde 1907 seliggesprochen, 1995 erfolgte die Heiligsprechung. Sie ist Patronin der Familien, aber auch des Bezirks Liberec, des Bistums Litoměřice und des tschechischen Volkes. Ihr Schädel wurde fast 120 Jahre in einem Reliquiar auf einem Seitenaltar direkt über ihrem Grab ausgestellt.
Dora Kaprálová gewinnt Europäischen Literaturpreis
Die in Berlin lebende tschechische Autorin Dora Kaprálová erhält für ihren Roman „Die Mariborhypnose“ den diesjährigen Preis der Europäischen Union für Literatur. Die Jury wählte sie unter 14 Kandidaten aus. Der Preis wurde vergangene Woche auf der Internationalen Buchmesse in Warschau verliehen. Der Roman verarbeitet mit einer ungewöhnlichen Optik Kaprálovás Aufenthalt in der slowenischen Stadt Maribor. Er sei eine poetische und spielerische Erzählung über Illusion, Vorstellungskraft und die Suche nach Hoffnung in einer unsicheren Welt, steht in einer Mitteilung.
Damit feiert Kaprálová, die im vergangenen Jahr auch bei den Tschechisch-Deutschen Kulturtagen in Dresden auftrat, bereits den zweiten großen Triumph. Vor einem Monat hatte sie den höchsten tschechischen Literaturpreis „Magnesia Litera“ für das „Buch des Jahres“ erhalten. Die deutsche Übersetzung erschien im Berliner Verlag mikrotext.
Wenn Sie unseren Wochenrückblick regelmäßig in Ihr Email-Postfach bekommen möchten, melden Sie sich für unseren Newsletter an.