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Derweil in Tschechien... 21/26

Sudetendeutsche hoffen auf Wiederholung in Tschechien – Schluckenauer Zipfel vor fünfmonatiger Straßensperrung – Wiedereröffnung der Edmundsklamm im Juni – Schicht-Projekt bringt Ústí wichtigen Museumspreis – Kurstadt Teplice leidet unter dem Iran-Konflikt – Taiwanesische Firma plant Großinvestition in Nordböhmen

29.05.2026

Sudetendeutsche hoffen auf Wiederholung in Tschechien

Dies ist nun bereits der dritte Newsletter, in dem der Sudetendeutsche Tag in Brno prominent erwähnt wird. Falls Sie sich nach den Gründen fragen, weil das für unsere Grenzregion ja eher von untergeordneter Bedeutung zu sein scheint: Dem ist diesmal nicht so. Sowohl das wunderbare Zeichen der Einladung der Sudetendeutschen nach Tschechien, die in Brno oft als „unsere Landsleute“ bezeichnet wurden, als auch die politischen Querelen darum haben einen großen Einfluss auf die deutsch-tschechischen Beziehungen. Sie haben eine intensive Diskussion in der tschechischen Gesellschaft angestoßen, deren (hoffentlich positive) Folgen wir vermutlich erst in einigen Jahren rückblickend einschätzen können. Sie finden ganz unten auch ein paar persönliche Eindrucke von vor Ort.

In einem Workshop zu verschwundenen Orten
In einem Workshop zu verschwundenen Orten (© Euroregion Elbe/Labe)

Der Sudetendeutsche Tag in Brno begann bereits am Donnerstag mit einer Gedenkveranstaltung am Hauptbahnhof an Gleis 5, von wo die Transporte in KZs abgegangen waren. Daran nahmen u.a. der Sohn von Sir Nicholas Winton, der 1939 fast 700 jüdische Kinder vor den Nazis gerettet hatte, sowie zwei der sog. Winton-Kinder teil. Am Freitag gab es ein öffentliches Fest mit Musik und Tanz im Stadtzentrum von Brno, dem auch viele Einheimische beiwohnten.

Sonnabend und Sonntag waren die Haupttage mit vielen Ständen, Veranstaltungen und einigen Reden tschechischer und deutscher Vertreter in einer Messehalle, woran nach persönlicher Schätzung etwa 2000 Menschen teilnahmen. Dabei wurde der tschechische Schriftsteller und Widerständler gegen das kommunistische Regime, Milan Uhde, mit dem Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft ausgezeichnet. Die Nationalsozialisten hatten 18 Mitglieder von Uhdes Familie ermordet, trotzdem engagierte er sich zeitlebens in der Versöhnungsarbeit.

Trachten spielen immer eine wichtige Rolle beim Sudetendeutschen Tag
Trachten spielen immer eine wichtige Rolle beim Sudetendeutschen Tag (© Euroregion Elbe/Labe)

Zudem fand am Sonnabend der von Meeting Brno organisierte Brünner Versöhnungsmarsch Pohořelice (Pohrlitz) nach Brno statt, den diesmal ca. 1300 Menschen ganz oder teilweise absolvierten. Am Montag ging das Treffen mit einem Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Kaunitz-Wohnheim, der ehemaligen Gestapo-Zentrale in Brünn, zu Ende.

Die im Vorfeld befürchteten Gegenproteste hielten sich in Grenzen. Bei den Gedenkveranstaltungen und dem Versöhnungsmarsch waren mal einige Dutzend, mal bis zu 200 Protestierende zu sehen. Eine in den sozialen Medien viel diskutierte Aktion war die Errichtung einer symbolischen Mauer aus Kartons vor dem Messegelände. Davon bekamen die Besucher des Sudetendeutschen Tages jedoch nichts mit, da dieser in einer Halle am anderen Ende des Messegeländes platziert war. Stattdessen dürften die Besucherinnen und Besucher eines parallel stattfindenden Anime-Festivals irritiert worden sein. Das beruhte angesichts deren kreativen Outfits vermutlich auf Gegenseitigkeit.

Die größte Gegenveranstaltung fand am Sonntag im Zentrum von Brno statt, wo ca. 2500 Menschen aus ganz Tschechien an einer vor allem von der Kommunistischen Partei (KSČM) organisierten Kundgebung mit anschließender Demonstration teilnahmen. Das war allerdings weit weg vom Messegelände. Normalerweise versuchen solche Gegenproteste ja immer, in Sicht- und Hörweite ihrer Gegner zu gelangen, aber das war hier nicht der Fall. Es ging wohl vor allem um Bilder für die Medien und vielleicht auch um den inneren Zusammenhalt einer im Abstieg begriffenen Partei.

Die Sudetendeutschen hoffen indes auf eine Wiederholung in Tschechien. 2027 wird der Sudetendeutsche Tag wieder in Bayern, und zwar in Nürnberg stattfinden. Doch danach wäre eine Ausrichtung im Wechsel schön, so der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, im Bayerischen Rundfunk. Von tschechischer Seite hätten mehrere Städte Interesse an einer Ausrichtung gezeigt.

Schluckenauer Zipfel vor fünfmonatiger Straßensperrung

Ab 1. Juni wartet auf Autofahrer, aber auch Einwohner am Rande des Schluckenauer Zipfels eine fünfmonatige Leidenszeit. Grund ist die fünfmonatige Sperrung der Staatsstraße 9 zwischen Svor und Nová huť. Die ist nötig, weil die tschechische Straßen- und Autobahndirektion eine Umgehung des Ortes Svor baut. Das anspruchsvolle Gelände lässt keine andere Möglichkeit zu, als eine großräumige Umleitung.

Die „9“ ist die Hauptverbindung für den Straßenverkehr in und aus dem Schluckenauer Zipfel mit dem tschechischen Binnenland. Als Staatsstraße ist sie auch für große LKW mit mehr als 7,5 Tonnen Gewicht ausgelegt. Ein Teil dieser Fahrzeuge nutzt die Straße „9“ auch für den Transit weiter nach Deutschland. Diese LKW müssen nun umgeleitet werden. Gerade die Transit-LKW dürften das Gebiet ab Montag weiträumig umfahren. Auf der Umleitungsstrecke ist mit einem erhöhten Verkehrsaufkommen zu rechnen. Touristen und Ausflügler aus Sachsen sollten sie also besser meiden. Um das Ausweichen auf sehr kleine Straßen zu vermeiden, wurde die Straße von Horní Světlá unterhalb der Lausche über Nová huť nach Kytlice als Einbahnstraße Richtung Kytlice ausgewiesen.

In den Gemeinden an der Umleitungsstrecke, aber auch sonst im Schluckenauer Zipfel hatte der Plan zur Sperrung im Vorfeld Protest ausgelöst. Sie erfuhren davon nur aus den Medien und kritisieren bis heute die mangelnde Kommunikation mit der Straßen- und Autobahndirektion. Immerhin konnten sie gemeinsam mit den Verwaltungen der Bezirke Ústí und Liberec erreichen, dass die Dauer der Sperrung von ursprünglich 24 Wochen auf 20 Wochen gekürzt wurde. Sie sollte also nur bis zum 16. Oktober dauern. Allerdings wurde vom zuständigen Bezirksamt in Liberec keine Strafzahlung im Falle einer Überschreitung dieses Termins festgelegt.

Wiedereröffnung der Edmundsklamm im Juni

Der Wald wird schon mal gefegt in der Edmundsklamm.
Der Wald wird schon mal gefegt in der Edmundsklamm. (© Stadt Hřensko)

Seit der Winterpause mussten Touristen in der Böhmischen Schweiz aus Sicherheitsgründen auf die beliebten Fahrten mit dem Boot in der Edmundsklamm verzichten. Nun ist es aber bald wieder so weit. Bereits im Juni sollen die Boote wieder fahren.

Grund für die Sperrung war ein Felsblock rund 130 Meter über dem Wanderweg zur Anlegestelle der Boote. Der instabile Teil des Felsblocks wurde bis Freitag von einer Spezialfirma abgetragen und zerkleinert. Der Rest des Blocks wurde gesichert und mit einem Netz versehen, das eventuell sich lösende Steine zurückhalten soll.

„Wir würden gern Anfang Juni eröffnen, warten aber noch auf ein geologisches und ein dendrologisches Gutachten“, sagte die Bürgermeisterin von Hřensko, Kateřina Horáková, im Tschechischen Rundfunk.

Seit der Wiedereröffnung nach dem großen Waldbrand im Sommer 2022 dürfen Touristen nur in professioneller Begleitung und in Gruppen in die Edmundsklamm, da die Gefahr eines Felsbruchs immer noch gegeben ist. Der Nationalpark Böhmische Schweiz untersucht regelmäßig die Stabilität der Felsen.

Die Gemeinde Hřensko hat aber angekündigt, bald ein Buchungssystem in Betrieb zu nehmen, so dass der Eintritt in die Klamm auch bequem Online gebucht werden kann. Die Zahl der Eintritte soll sich auch etwas erhöhen, bleibt aber weiterhin begrenzt.

Die Wilde Klamm, wo ebenfalls Boote fahren, ist bereits seit Karfreitag in Betrieb, allerdings weiterhin nur von der unteren Anlegestelle aus zu erreichen. Dahin gelangen Wanderer entweder von Mezná oder von Růžová.

Schicht-Projekt bringt Ústí wichtigen Museumspreis

Das Projekt „Königreich der Seifenblasen“ des Bezirksmuseums in Ústí nad Labem wurde mit dem tschechischen Museumspreis „Gloria musealis“ ausgezeichnet. Dabei geht es um das Werk der Unternehmerfamilie Schicht, die im Stadtteil Schreckenstein mit der Produktion von Kosmetik, Drogeriewaren und Öl groß wurde. Später schloss sich Schicht sogar zu dem multinationalen Konzern Unilever zusammen, der bis heute besteht.

Die Schicht-Familie in der Zwischenkriegszeit
Die Schicht-Familie in der Zwischenkriegszeit

Der Titel des Projekts ist auch der Titel eines Dokumentarfilms über die Schicht-Familie, der im vergangenen Jahr nach sieben Jahren Drehzeit seine Premiere hatte. Dieser sei aber nur der glorreiche Abschluss des Projekts, so Martin Krsek vom Museum in Ústí. Die Hauptarbeit durch die Museumsmitarbeiter, zu denen neben Krsek noch weitere wie Tomáš Okurka zählen, war das fast 20-jährige Bemühen, wieder Kontakt zur Schicht-Familie zu knüpfen und ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Die Familie war nach 1945 vertrieben worden und hatte ihr Eigentum in der Tschechoslowakei verloren. Dabei war das Verhältnis der Familie zu den Ereignissen der 1930er und 1940er Jahre nicht einheitlich. Ein Teil der Familie paktierte mit den Nationalsozialisten, ein Teil unterstützte offen den tschechoslowakischen Widerstand im Exil.

Der Dokumentarfilm wird übrigens am 5.11. im Rahmen der Tschechisch-Deutschen Kulturtage 2026 in Dresden laufen.

Kurstadt Teplice leidet unter dem Iran-Konflikt

Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hat auch Auswirkungen auf den Kurbetrieb im nordböhmischen Teplice. Traditionell ist die Kurstadt Ziel vieler Gäste aus den arabischen Ländern, vor allem von der arabischen Halbinsel. Doch diese Gäste bleiben momentan aus. „Wir haben zurzeit nur wenige Klienten aus dem Nahen Osten. Der Konflikt hat große Auswirkungen, ob man zu uns anreisen kann, also ob es überhaupt Flugverbindungen gibt“, wird Iveta Slížková von dem Kurbetrieb zitiert. In Teplice hofft man nun auf tschechische Klienten, zumindest auf jene, die sonst in den Nahen Osten gereist wären. Ob die Rechnung aufgeht, ist offen. Der Dachverband geht schon jetzt von einer schwachen Saison aus.

Taiwanesische Firma plant Großinvestition in Nordböhmen

Die kommende Eröffnung des Halbleiterwerks von ESMC in Dresden wirkt auch bis Nordböhmen. Tschechien hatte sich wiederholt für Zulieferfirmen angeboten. Nun plant die taiwanesische Firma i-TRANS Global ihr europäisches Logistikzentrum für Halbleiterchemikalien in Nordböhmen. Momentan sei man auf der Suche nach einem geeigneten, fast 17.000 Quadratmeter großen Grundstück.

Unterstützt wird die Firma dabei vom Bezirk Ústí sowie der staatlichen Agentur CzechInvest, die bei der Firmenansiedlung hilft. Das Logistikzentrum soll zu Beginn des Jahres 2028 in Betrieb gehen, so der Plan. i-TRANS will in das Zentrum 20 Millionen Euro investieren. Es sollen 60 Arbeitsplätze entstehen.
In einer zweiten Phase stellt sich i-TRANS eine tiefere Zusammenarbeit mit tschechischen Chemikalienherstellern vor. Neben der Nähe zu Dresden ist die Ausrichtung der Industrie im Bezirk Ústí auf die Chemiebranche der zweite Hauptgrund für die Ansiedlung in Nordböhmen.

Persönlicher Eindruck vom Sudetendeutschen Tag

Als Besucher vor Ort möchte ich hier noch ein paar persönliche Eindrücke hinzufügen: Das leider immer noch weit verbreitete Bild der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SdL) als Hort jener, die die Vertreibung gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus ausspielen und ihr früheres Eigentum zurückhaben wollen, ist (mittlerweile) vollkommen falsch. Vor allem Bernd Posselt als Vorsitzender hat in den letzten 25 Jahren dafür gesorgt, dass die SdL für Ewiggestrige, Revanchisten und Altnazis ein ungemütlicherer Hort geworden ist. Ich habe vor Ort weder an den Ständen noch in Veranstaltungen noch am Biertisch irgendetwas vernehmen können, was solche Ansichten widergespiegelt hätte.

Während der Rede von Bernd Posselt
Während der Rede von Bernd Posselt (© Euroregion Elbe/Labe)

In allen Reden von deutscher Seite wurden ohne Ausnahme zuerst die Verbrechen der Nazis und die Mitschuld der Sudetendeutschen daran benannt. Das Leid der Vertreibung wurde nicht verschwiegen, aber immer in diesen Kontext gesetzt. Ganz im Sinne der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 wurde deutlich, dass man in der Bewertung der Vergangenheit nicht einer Meinung sein muss, aber dennoch an einer gemeinsamen Zukunft in guter Nachbarschaft mitarbeiten will. Damit sind kein Vergessen und kein Schlussstrich gemeint, sondern die gemeinsame, unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Gerade Bernd Posselt hat immer wieder betont, dass es nicht um Schuld und Vorwürfe gehe, sondern um die Lehren, die man aus den Geschehnissen ziehen muss, um daraus für die Zukunft zu lernen. Im Hinblick auf die Beneš-Dekrete wurde z.B. betont, dass man diese nicht revidieren wolle, ihren Grundansatz von Kollektivschuld und kollektiver Bestrafung in einer aufgeklärten Gesellschaft aber keinesfalls akzeptieren könne. Ich fürchte allerdings, dass beide einfach nicht totzukriegen sind.

Die tschechischen Rednerinnen und Redner betonten alle die Wichtigkeit von Aussöhnung, Aufarbeitung und Vergebung, und es war schön zu sehen, wie jeder Satz von Ihnen vom Publikum eifrig beklatscht wurde (und das noch vor der Übersetzung). Ich hatte den Eindruck, dass die anwesenden Sudetendeutschen unheimlich dankbar für die Einladung nach Tschechien waren. Sie sind wirkliche deutsch-tschechische Brückenbauer, und das wurde honoriert.

Rüdiger Kubsch

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