Derweil in Tschechien... 39/26
16.10.2026
Sensation bei Kommunalwahl in Ústí
Die Partei ANO des tschechischen Premierministers Andrej Babiš hat bei den Kommunalwahlen am vergangenen Wochenende eine Niederlage einstecken müssen. In mehreren Großstädten verliert die Partei ihre Oberbürgermeister. Und dort, wo sie bisher nicht regiert, wie in der Hauptstadt Prag, bleibt sie weit hinter den Erwartungen zurück. Die schwerste Niederlage muss ANO allerdings in Ústí nad Labem (Aussig) einstecken. Dort siegte das Oppositionsbündnis Jedno Ústí (Ein Ústí) sensationell mit der absoluten Mehrheit der Stimmen. Daraus resultieren sagenhafte 22 Sitze im neuen Stadtparlament, drei mehr, als für die absolute Mehrheit nötig. Ústí nad Labem galt bisher für ANO als sichere Hochburg, wo sie über zwei Wahlperioden, also insgesamt acht Jahre, den Oberbürgermeister Petr Nedvědický gestellt hatte. Davor kam bereits 2014 der Oberbürgermeister von der ANO, und sie nahm auch in den Jahren bis 2018 entscheidenden Einfluss auf das Stadtgeschehen. Insofern endet eine gut 12-jährige ANO-Ära. Aber auch bei Parlamentswahlen und den Bezirkswahlen stand ANO in Ústí meist schon vorher als sicherer Sieger fest. Seit 2020 stellt ANO auch den Bezirkshauptmann.
Dass das Bündnis Jedno Ústí dennoch siegen könnte, war vielleicht eigentlich nur eine kleine Hoffnung der Opposition. Die Gewinn mit absoluter Mehrheit ist hingegen eine Sensation. ANO kommt zwar auf den zweiten Platz, allerdings mit nur sechs Mandaten. Jedno Ústí dürfte auch mehrere Stadtteilbürgermeister stellen. Als neuer Primator (Oberbürgermeister) steht der Spitzenkandidat Tomáš Vohryzka bereits fest. Der bisherige Chef der Stadtwerke hat sich zum fähigen Wahlkämpfer gemausert. Der eigentliche Sieger ist jedoch das komplette Bündnis. Ohne Einigung von so vielen Parteien auf eine Liste wäre die Opposition womöglich nicht erfolgreich gewesen. Die Liste vereint sowohl Piraten und Grüne, die relativ weit links stehen, über pragmatische Mitte-Parteien wie die Bürgermeisterpartei STAN oder das Bürgerforum Ústí bis zu liberal-bürgerlichen Parteien wie die Christdemokraten, TOP 09 oder die Neugründung Naše Česko (Unser Tschechien). Die meisten gewählten Vertreter von Jedno Ústí verfügen über langjährige Erfahrungen nicht nur in der Kommunalpolitik.
Doch nicht nur in Ústí verlor ANO die Stadtführung. Auch Děčín (Tetschen) wird künftig voraussichtlich kein Primator von ANO mehr regieren. Der bisherige Jiří Anděl konnte mit ANO zwar wieder die Wahlen gewinnen, errang allerdings nur 7 Mandate. Vier andere Listen unter Führung von Volba pro město (Wahl für die Stadt) schlossen sich nun zusammen und wollen eine Regierung ohne ANO stellen.
In anderen nordböhmischen Kommunen wurden die Bürgermeister mit überwältigender Mehrheit bestätigt. Das betrifft Gemeinden wie Česká Kamenice (Böhmisch Kamnitz), Krásná Lípa (Schönlinde), Dolní Poustevna (Niedereinsiedel), die schon länger stabil regiert werden. Weiter im Amt bleiben aber auch die noch relativ neuen Bürgermeister in Šluknov (Schluckenau), Varnsdorf (Warnsdorf), Krupka (Graupen) und Dubí (Eichwald). In Dubí gewann der noch junge Bürgermeister Jiří Kašpar mit einer überwältigenden Mehrheit von 13 der 17 Sitze. Der frühere langjährige Bürgermeister Petr Pípal kam mit seiner Liste nur auf 2 Sitze. In ganz Tschechien lag die Wahlbeteiligung bei 48 Prozent. In Teplice (Teplitz) kann und will das bisherige Bündnis aus ANO und Volba pro Teplice (Wahl für Teplitz) mit Oberbürgermeister Jiří Štábl seine Arbeit fortsetzen.
Neben den Kommunen wählten die Bürger auch ein Drittel der Sitze im Senat neu, dem Oberhaus des tschechischen Parlaments. Auch hier blieb ANO hinter den Erwartungen zurück. Zwar steht die Stichwahl in den meisten Wahlkreisen noch aus. Aber es ist absehbar, dass das momentane Kräfteverhältnis bestätigt wird. Die (Unterhaus-) Opposition hat also weiterhin das klare Übergewicht und wird voraussichtlich mit Miloš Vystřčil (ODS) weiter den Senatspräsidenten stellen. Damit kontrolliert sie das nach dem unabhängigen Staatspräsidenten zweithöchste Amt im Staat.
Traditionell sind diese Wahlen auch ein erster Stimmungstest für die Regierung nach fast einem Jahr Amtszeit. Nicht nur ANO bekam einen Dämpfer. Die kleineren zwei Regierungsparteien gingen im Senat ganz leer aus und kamen auch in den Kommunen nicht nennenswert zum Zuge.
Tschechiens höchste Bauwerke gesprengt
Mit 355 m Höhe waren sie die höchsten Bauwerke Tschechiens: zwei Sendemasten bei Liblice nahe Český Brod, rund 30 km östlich von Prag. Sie wurden gestern Vormittag gesprengt. Die Masten dienten als Mittelwellensender und waren 1976 in Betrieb genommen worden. Der Betreiber sah jedoch keine Möglichkeit, sie weiterhin wirtschaftlich zu betreiben. 2021 wurde der Sendebetrieb des öffentlichen Rundfunks eingestellt, und in den letzten Jahren nutzte sie nur noch zeitweise ein einzelner Privatsender.
Gegen den Abriss hatte es Widerstand gegeben. Dieser wurde damit begründet, dass es sich um Baudenkmale handeln würde. Bis zuletzt hatten Fans eine Rettung versucht, auch mit einer Eingabe ans Kulturministerium, allerdings vergeblich. Durch Sprengung einiger Spannseile wurden die Masten zum Einsturz gebracht. Dazu gibt es auch ein Video.
Das nun höchste Bauwerk Tschechiens ist ebenfalls ein Radiomast, in Krašov bei Plzeň (Pilsen). Er ist 347 m hoch und stammt auch aus den 1970ern.
Prebischtor durchleuchtet
Anfang Oktober haben tschechische Geologen gemeinsam mit der Nationalparkverwaltung Böhmische Schweiz und einer Privatfirma das Prebischtor untersucht. Sie nutzten dabei Radartechnik und seismische Untersuchungen, die praktisch einen Blick ins Innere der Felsen ermöglichen, vergleichbar mit Röntgen beim Arzt.
Ziel der Untersuchung ist es, die Standfestigkeit des Wahrzeichens der Böhmischen Schweiz zu beurteilen. Vor einigen Jahren waren Risse entdeckt worden, deren Veränderungen nun untersucht wurden. Die Auswertung der Daten wird nun etwa ein halbes Jahr in Anspruch nehmen.
Schuhproduktion von Baťa in Tschechien endet
Der Schuhhersteller Baťa mit Hauptsitz in Zlín war einmal eines der bedeutendsten Unternehmen der Tschechoslowakei. Die Geschwister Tomáš und später Jan Antonín Baťa führten die Firma zur Zeit der Ersten Republik zu Weltruhm. Sie führten viele neue Produktionsmethoden ein, revolutionierten die Schuhproduktion und prägten die Stadt Zlín mit ihren fortschrittlichen Ideen entscheidend (weshalb ein Besuch sehr lohnenswert ist).
In der Zeit der Protektorats flüchtete Jan Antonín Baťa nach Südamerika und gründete dort mehrere Städte. Nach dem Krieg wurde der Konzern verstaatlicht. Zwei Söhne von Tomáš Baťa gründeten während des Zweiten Weltkriegs eine neue Firma unter ihrem Namen in Kanada und stritten sich dann mit Jan Antonín Baťa jahrelang um die Namensrechte. Nach der Samtenen Revolution erhielten sie das Unternehmen nicht zurück, kauften aber Teile davon.
Es gab und gibt weiterhin viele Schuhhäuser unter dem Namen Baťa, oft an sehr prominenten Orten, z.B. in Liberec oder in Prag am unteren Ende des Wenzelsplatzs. Die Produktion der Schuhe erfolgte allerdings meistens in Niedriglohnländern in Asien und Afrika. Nur eine Produktionsstätte in Dolní Němčí, südlich von Zlín, wurde weiter betrieben.
Nun gab das Unternehmen bekannt, diese Produktion zu schließen, wovon rund 100 Mitarbeitende betroffen sein werden. Damit geht ein wichtiges Kapitel der Industriegeschichte Tschechiens zu Ende.
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