Euroregion Elbe/Labe

Aktive Menschen im Grenzraum

Geschichten aktiver Menschen mit inspirierenden Ideen in der Grenzregion

In Tschechien hat das Grenzgebiet zu Sachsen seit Jahrzehnten einen schlechten Ruf, wird oft als “Niemandsland” bezeichnet und immer als Problemregion gesehen. Auf den ersten Blick mag das so scheinen, doch es gibt auch andere Seiten: Viele Menschen setzen sich aktiv für eine Verbesserung der Lebensbedingungen und die Bewahrung geschichtlicher Zeugnisse ein. Einige dieser aktiven Menschen sollen hier präsentiert werden. Ihre Geschichten können zur Inspiration dienen und zeigen, dass auch in vermeintlich abgehängten Gegenden bürgerschaftliches Engagement lohnt.

Es wurden mit ihnen in den Jahren 2021 und 2022 Interviews geführt, z.T. auch Videos gedreht. Die Interviews wurden im Herbst 2022 in einer Broschüre unter dem Titel "Mitten am Rande" auf Deutsch und Tschechisch veröffentlicht. Die Broschüre ist in den Geschäftsstellen der Euroregion Elbe/Labe und bei Antikomplex erhältlich.

Wir machen Sie hier mit den 13 Personen bekannt, die in der Broschüre vorgestellt werden.

Die Interviews (Auswahl)

Erich Vodňanský

Ich schwelge heute in der Landschaft meiner Großeltern (Bleiswedel / Stranné u Blíževedel)

Erich Vodňanský (*1985) wurde in Wien geboren, wo er auch Wirtschaft und Jura studierte. Aber es hätte auch ganz anders kommen können, wenn seine Eltern, die nicht in der totalitären Tschechoslowakei leben wollten, nicht den Mut gehabt hätten. Als seine Familie in den 1990er Jahren einen Bauernhof in Českolipsko erwarb, beschloss er, sein bequemes Großstadtleben hinter sich zu lassen. Seit 2009 kümmert er sich um das Land, das seine Urgroßeltern bewirtschaftet haben und wo er sich zu Hause fühlt.

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Petr Globočník

Ich bin nicht bereit, mich mit der tristen Lage abzufinden (Litvínov / Ober Leutensdorf)

Petr Globočník (*1982) ist in Nordböhmen ein bekannter Name, und das nicht nur dank seiner Bemühungen um die Eingrenzung des Gebietes für den Braunkohlebergbau in der Region Ober Leutensdorf. In einem Ort, den die meisten Menschen als „sozial ausgegrenzt“ bezeichnen, schaffen er und die Anwohner einen Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten, und er hat beschlossen, dort mit seiner Familie zu leben. Es geht um nichts Geringeres als um die Rückkehr des nachbarschaftlichen Miteinanders — im Ghetto und in der ehemaligen deutschen Villa. Er weiß sehr wohl, dass das Leben im Sudetenland sowohl Fluch als auch Segen sein kann.

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Matouš Kirschner

Wir baten Josef Wohlmann um Vergebung und erhielten seinen Segen (Václavice / Wetzwalde)

Matouš Kirschner (*1975) lernte Nordböhmen nach und nach kennen, als er sich mit dem Verein zur Erhaltung religiöser Kleindenkmäler daran machte, in der verlassenen Landschaft stehende Kreuze zu restaurieren. Der Wohlmann-Hof in Wetzwalde, ein Ort mit einem bewegten Schicksal, den die meisten Menschen fürchteten, verzauberte die Kirschners. Sie merkten, dass das der Ort war, an dem sie sein wollten — trotz all seiner Dämonen.

Jaroslav Vyčichlo

Ich bin wie Indiana Jones und entdecke Dinge, von denen niemand mehr wusste (Svatobor / Zwetbau)

Für Jaroslav Vyčichlo (*1984) war Geschichte schon seit seiner Kindheit zum Greifen nah — er lebte eine Zeit lang in einem verfallenen Schloss, restaurierte Burgen und beschloss dann, alle Denkmäler in seiner Heimatregion zu kartieren. Aber nach einer Weile fand er, dass das Dokumentieren nicht mehr ausreichte. Also stellte er eine Gruppe von Leuten zusammen, um die Kreuze und Denkmäler, die er gefunden hatte, zu restaurieren. Sie begradigen die Grabsteine und suchen nach dem Schicksal der Menschen, deren Namen in die Steine eingemeißelt sind — sie bringen der Landschaft die verlorene Erinnerung zurück und den Nachkommen dieser Menschen Hoffnung.

Marcela Svejkovská

Kollektive Schuld ist ein Fluch, das bringt uns immer noch zum Weinen (Lubenec / Lubenz)

Marcela Svejkovská (*1973) ist Lehrerin mit einer Leidenschaft für Archive. Sie wurde in Lubenz geboren und lebt dort. Die Region zwischen dem Duppauer Gebirge und dem Schnellatal birgt viele Geschichten, die sie entweder allein, mit ihrer Familie oder mit ihren Schülern entdeckt. Gemeinsam lernen sie die Seele der Region kennen und die vergessenen Geschichten ihrer früheren Bewohner, aber auch Denkmäler, Kapellen, Hügel und wilde Obstwiesen. Dass hier ein Atommülllager entstehen soll, kann sie sich nicht vorstellen. Und so führt sie, genau wie mit dem Verein SOS Lubenec, auch im Klassenzimmer die Menschen an einen sensiblen Umgang mit der Landschaft heran.

Jitka Pollakis

Die Erkundung von Wiesen führte mich zur Geschichte des Grenzgebiets (HeuHoj Camp, Osterzgebirge)

Jitka Pollakis (*1988) wurde in Dux geboren und verbrachte als Kind die meiste Zeit ihrer Freizeit in Neustadt, dessen Umgebung zur Landschaft ihrer Kindheit wurde. Ihr Studium führte sie nach Freiberg, wo sie begann, sich ganz der praktischen Landschaftspflege und der deutschen Sprache zu widmen. Seitdem organisiert sie auch ein deutsch- tschechisches Workcamp, das Interessierte in die Pflege der einzigartigen Bergwiesen und die Entwicklung der Kulturlandschaft im Erzgebirge einführt. Die Landschaft kann eine Menge Geschichten „erzählen': wenn man in ihr „lesen" will.

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Alice Janstová

ein einsames Haus in Jelení

Das Dorf Jelení, hoch im Erzgebirge gelegen, bestand bis zum Ende des 2. Weltkriegs aus einigen Häusern. Von denen ist nur noch eine übrig, welches Alice Janstová mit ihrer tschechisch-indischen Familie bewohnt. Doch so einsam, wie das klingt, ist es keineswegs, denn es kommen häufig Menschen vorbei.

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Jarmila Ptáčková

tibetisches Flair in Velký Šenov

Im Schluckenauer Zipfel erwartet vermutlich niemand eine Jurte, doch in Velký Šenov steht eine. Sie ist ein Zeichen für die Verbundenheit von Jarmila Ptáčková mit der mongolischen Kultur, die sie auf verschiedene Weise auch anderen vermitteln möchte.

 

 

Das Projekt

Ziel des Projektes war es, gute Beispiele zivilgesellschaftlichen Engagements im tschechischen Grenzraum in Form einer Broschüre zu präsentieren. Damit soll die Vernetzung der Akteure unterstützt, Inspiration verbreitet und zu eigenem Engagement animiert werden. Das Grenzgebiet, seit Mittelalter als Sudetenland bekannt, hatte jahrelang einen negativen Ruf, wurde oft als “Niemandsland” bezeichnet und immer als Problemregion gesehen. Mit diesem Projekt wollten wir dieses Narrativ hinterfragen und an Mut machenden Beispielen zeigen, wie man positive Veränderungen schaffen kann.

Es soll auch Hoffnung bringen: auf eine gute deutsch-tschechische Nachbarschaft, Versöhnung. Für die tschechisch-deutsche Publikation Mitten am Rande, Interviews mit Menschen, die das Sudetenland verändern wurden Interviews mit aktiven Menschen in der Grenzregion geführt, die sich auf verschiedene Weise einbringen, eine gute Nachbarschaft pflegen oder auch die deutsch-tschechische Vergangenheit reflektieren. Es wurden nicht nur bekannte Akteure interviewt, sondern auch neue inspirative Initiativen.

Im Zeitraum von September 2021 bis April 2022 wurden 13 Personen aus unterschiedlichen Teilen des Grenzraums besucht und interviewt, die sich in Vereinen, Verbänden, Institutionen oder auch privat für die Region engagieren. Bei der Auswahl der Interviewpartner wurde auf eine angemessene Berücksichtigung der Geschlechter sowie von sozialen Gruppen geachtet.

Projektergebnis ist eine umfangreiche zweisprachige Broschüre, die sich gut zur Verteilung bei verschiedensten Veranstaltungen und anderen Gelegenheiten eignet. Zu einigen Interviews wurden kurze Videos erstellt und im Internet veröffentlicht. Sie eignen sich besonders zum Einsatz in sozialen Medien. Die Ergebnisse des Projektes werden auf gesonderten Veranstaltungen in Sachsen und Tschechien präsentiert.

Am Projekt hat sich außer der Euroregion Elbe/Labe der Prager Verein Antikomplex beteiligt.

Das Projekt wurde unter der Nr. EEL-0840.02-CZ von der Europäischen Union über den Kleinprojektefonds in der Euroregion Elbe/Labe gefördert.